PROLOG

Dutzende Institutionen und Einrichtungen rund um den Erdball, und seit dem Aufbruch ins Raketenzeitalter und dem Griff nach den Sternen auch im Orbit, befassen sich rund um die Uhr, vierundzwanzig Stunden am Tag, mit der Beobachtung und Erforschung des endlos weiten Universums. Ihre optischen und akustischen Lauscher sind in alle Ecken und Kanten des Alls gerichtet. Ihren elektronischen Augen und Ohren scheint nichts zu entgehen. Schließlich muss man sich ja auf die feinfühlige Technik absolut verlassen können. Und den aufgezeichneten Daten kann und sollte man vertrauen können. Sie sollen schließlich untrüglich und unbeeinflussbar sein.

Vor nicht allzu langer Zeit an einer europäischen Sternwarte, die mit den modernsten Geräten ausgestattet war: Ein erfahrener und absolut zuverlässiger wissenschaftlicher Mitarbeiter ging wie jeden Tag seiner vertrauten Tätigkeit nach. Wie in der vergangenen Nacht, so auch heute, verrichtete er seinen gewohnten und längst zur Routine gewordenen Dienst alleine in dem riesigen Gebäude. Es war schon weit nach Mitternacht, als der Mann Beobachtungen am sternklaren südwestlichen Himmel machte, die bei genauerem Hinsehen so ganz und gar nicht den üblichen Sternenbewegungen oder den bekannten und registrierten Satellitenlaufbahnen entsprachen. Hätte der Mann aber dieses Phänomen genauer fixieren wollen, so hätte es einer bedeutend längeren Erscheinungsdauer bedurft. Dennoch, dem Mann entging die Abweichung am Monitor nicht. Aber er versuchte, sie ganz schnell wieder zu vergessen, weil sie beileibe nicht ins vertraute Schema passte. Zudem war sich der Beobachter noch nicht einmal sicher, ob er wirklich das gesehen hatte, was er anfangs glaubte oder nur einer trügerischen Einbildung verfallen war. Dabei hätte er sich seiner Beobachtungsgabe ziemlich sicher sein müssen. Sein geschultes Auge gepaart mit den wissenschaftlichen Erfahrungen und Erkenntnissen hätte durchaus unterscheiden können, was der Wirklichkeit oder der Einbildung entsprach. Womöglich lag es aber an der jahrelangen Routine, dem Alltagstrott oder gerade den wissenschaftlichen Erkenntnissen, die ihn an seinen Beobachtungen zweifeln ließen. Er wollte sich außerdem nicht blamieren, saß er doch als einziger vor dem Monitor, der ihm die Bilder aus dem All lieferte. Man hätte ihn ausgelacht, wenn er über seine Beobachtungen berichtet hätte, ihn zum Gespött aller Kollegen und Kolleginnen gemacht, ihn womöglich nicht mehr zum Nachtdienst eingeteilt oder in einsame und triste Archive abgeschoben, wo ihm vor lauter Langeweile die Decke auf den Kopf gefallen wäre. Der Mann redete sich ein, alles sei nur eine optische Täuschung gewesen, ein Trugbild seiner Augen, wilde Ausgeburten seiner Gedanken, hervorgerufen durch die aufkommende Müdigkeit, die ihn oft in ereignislosen Nächten überkam.

Und was hatte er schon Großartiges oder Sensationelles gesehen? Diese kleinen blinkenden, sich in unregelmäßigen Kurven und Schwingungen bewegenden Lichtpunkte? Sie konnten eine Spiegelung des auf den Monitor fallenden Lichtes der spärlichen Raumbeleuchtung sein. Vielleicht hatte er sich ja auch nur unglücklich bewegt, so dass er selbst diese Reflexionen hervor gerufen hatte. Außerdem, es dauerte ja ohnehin nur ein paar Sekunden, wenn überhaupt. Und danach tauchten diese Lichter sowieso nicht mehr auf. Jedenfalls bemerkte der Mann keine weiteren Abweichungen auf dem Monitor. Der Vorfall war, wenn es überhaupt ein solcher gewesen sein sollte, sehr schnell vergessen. Ein paar Tage später hätte der Mann aus der Sternwarte gar nicht mehr sagen könne, was genau an welchem Tag und zu welcher Zeit geschehen war. Das Leben nahm seinen gewohnten Gang, so wie all die Tage, Wochen, Monate und Jahre vorher. Außerdem geschah an den Folgetagen nichts Außergewöhnliches. Ein Grund mehr, keinen Anlass für eine Beunruhigung zu sehen. Mit der Zeit aber, bei anstrengender Konzentration und Übermüdung, sieht man hin und wieder Dinge, die es gar nicht gibt oder geben dürfte. Das liegt in der Natur des Menschen und ist nicht schändlich.

nach oben
 

 
 
 
 
 

Besuchen Sie auch meinen Blog und schreiben Sie Ihre Meinung zu diesem Buch.

 
 
© 2008 Horst Fesseler A-6805 Dornbirn