KAPITEL III Implantate
Benjamin und Jasmin saßen im Wohnzimmer. Während Jasmin die Blumen auf
der Fensterbank goss, schaute ihr Benjamin eine Weile stumm zu. An seinem
Gesichtsausdruck konnte man die Anspannungen der letzten Zeit erkennen. Vor
allem sorgte er sich um seine und Jasmins Träume der letzten Tage. Eine
schlimme Vermutung belastete Benjamin, für die er keine konkrete Bestätigung
fand.
„Sie sind da! Sie sind wirklich da! In uns, um uns ... überall. Wir sind
in ihrer Gewalt“, sagte Benjamin aufgeregt zu Jasmin.
Sie drehte sich langsam um und starrte ihn entgeistert an. War er jetzt
völlig durchgedreht? Was und vor allem wen meinte er?
„Ich verstehe nicht ... Wer ist da?“
Benjamin deutete nach oben Richtung Decke und hob vorsichtig den Kopf.
„Die da!“, meinte er mit krächzender Stimme. „Die Außerirdischen, die
Marsmenschen, die Wesen von einem anderen Stern ...“
„Du spinnst ja!“, fuhr Jasmin dazwischen und schüttelte nur verwundert
den Kopf.
„Nein, nein“, wehrte Benjamin heftig ab. „Ich sage dir. Es ist wirklich
so! - Ich habe sie zwar nicht gesehen, aber ich spüre sie ... ich fühle sie. Es
ist unheimlich ... ich darf gar nicht daran denken, sonst überkommt mich eine
Gänsehaut am ganzen Körper.“
Jasmin nahm ihn nicht ganz ernst. Wie sollte sie auch? Sie tippte nur mit
dem Zeigefinger der rechten Hand mehrmals an die Schläfe.
Benjamin ließ nicht locker. „Erinnerst du dich an deinen Traum? Weißt du
noch, was du mir neulich sagtest? - Ich habe es mir genau gemerkt. Und zwar
deshalb, weil ich in letzter Zeit ähnliche Träume hatte“, sagte er und schaute
Jasmin fragend an. Sie schien einen Moment zu überlegen. Jedenfalls rollten ihre
Augen unsicher hin und her.
„Meine Träume?“, fragte Jasmin. „Was haben die denn mit deinen Außerirdischen
zu tun? Ich sehe da absolut keinen Zusammenhang ...“
„Aber ich!“, unterbrach Benjamin. „Sie haben uns entführt! Mitten in der
Nacht, als wir tief und fest schliefen ... Wer weiß, was sie mit uns gemacht haben.“
„Du hast wirklich ‘ne Meise“, fuhr Jasmin dazwischen. „Wie sollten sie
mich entführt haben? Denkst du, ich hätte das nicht gemerkt? Und warum sollten
sie mich, ausgerechnet mich, entführen? Das ist absoluter Quatsch, was du
sagst!“
„Nein!“ entgegnete er resolut.
„Dann beweise es mir!“, forderte Jasmin.
Kleinlaut entgegnete Benjamin: „Ich kann es nicht ...“
Prompt fügte Jasmin bissig hinzu: „Dann erzähle nicht solchen Mist ...
und erschrecke mich nicht so!“
Sie kümmerte sich wieder voller Hingabe um die Blumen, indem sie mit
einem feuchten Lappen über die verstaubten Blätter des Gummibaums wischte.
„Nun lass doch endlich mal die dämlichen Blumen und komm’ hierher“, sagte
Benjamin gereizt. „Ich habe mit dir zu reden!“
Jasmin legte den Lappen zur Seite, zog die Gardine gerade und kam näher.
Vor dem Couchtisch blieb sie kurz stehen, stemmte die Hände in die Hüfte und
fragte: „Warum bist du denn so wütend? Das könntest du auch ein bisschen netter
sagen.“
Benjamin klopfte mit der Handfläche auf die Couch und deutete ihr an,
neben ihm Platz zu nehmen.
„Setz’ dich, bitte!“, sagte er.
Jasmin gehorchte und hockte sich neben ihn. Sie legte ihre Hände auf
seine Knie und flötete: „Was ist denn mein Knubbi? Hast du Sehnsucht nach mir?
Wollen wir ein Nickerchen machen?“
Benjamin schüttelte den Kopf und blieb ernst. Abschätzend blickte er Jasmin
an und spielte dabei unbeholfen mit den Fingern, so als wisse er nicht, wohin
mit seinen Händen.
Nach einigem Zögern begann er: „Ich mache mir ernsthaft Sorgen um unsere
Träume. Da geht was nicht mit rechten Dingen zu. Irgendetwas Undefinierbares kommt
auf uns zu ... etwas Unheimliches ... Drohendes. Ich spüre es ganz deutlich.
Das Unheil ist sehr nah ...“
Entrüstet stand Jasmin mit einem Satz auf. Sie schaute auf Benjamin herunter,
der wie ein Junge, den man getadelt hatte, auf der Couch hockte.
„Du nervst mit deinem blöden Gelabere! Kannst du nicht was Vernünftiges
reden? Ich habe wirklich keine Lust, mir diesen Schmarren anzuhören ... Ich
glaube, es ist besser, wenn ich nach Hause gehe und erst zurückkomme, wenn du
wieder bei klarem Verstand bist.“
Benjamin fuhr hoch. „Nein!“, stieß er laut hervor. „Das kannst du nicht machen
...“
„Ich kann noch viel mehr“, fuhr Jasmin barsch dazwischen. „Ich habe jetzt
nämlich endgültig genug von deinem Gesülze.“
Sie drehte sich um und eilte zur Diele hinaus. Auf der Garderobe lagen
ihre Schlüssel. Sie schnappte sie und ging zur Haustür. Benjamin rannte ihr
hinterher und hielt sie am Ärmel fest.
„Halt, nein, warte“, lenkte er ein. „Bleib’ hier und lass uns in Ruhe
reden ...“
„Aber nicht über dieses Thema!“ Sie musterte Benjamin kritisch. Er nickte
ergeben.
Jasmin legte ihre Schlüssel zurück auf die Garderobe und folgte Benjamin
ins Wohnzimmer. Während er wieder auf der Couch Platz nahm, widmete sie sich
erneut Benjamins Blumen. Er schaute ihr nur zu, sagte aber keinen Ton. Als
Jasmin fertig war, hockte sie sich gegenüber dem Couchtisch in den Sessel.
Unruhig blickte Benjamin zu ihr hinüber.
Jasmin schien zu spüren, dass ihn kummervolle Gedanken bedrückten. Und
sie ahnte auch, was es sein konnte. Fast drohend warnte sie ihn: „Nicht schon
wieder ... sonst gehe ich wirklich. Du kannst mit mir über alles reden. Nur
nicht darüber. Ich halte nichts von deinen Spinnereien ...“
„Es sind keine Märchen. Du solltest mit mir darüber diskutieren“, begann
er. „Und dann wirst du sehen, dass ich recht habe ... Und wenn du nicht
überzeugt bist, vergessen wir das Ganze einfach. – Versprochen! Ich werde nie
mehr damit anfangen.“
Jasmin lächelte. Benjamin tat ihr Leid, wie er so niedergeschlagen und armselig
auf der Couch hockte und die Hände gefaltet hatte. Er ist schon ein komischer
Kauz, dachte Jasmin, aber ein lieber. Man konnte ihm eigentlich nicht böse
sein.
„Also gut“, sagte sie mit einem verschmitzten Grinsen, „ich höre dir zu.
Welche Probleme hast du mit deinen Träumen? Schütte einfach dein Herz aus. -
Aber versuche ja nicht zu übertreiben. Sonst breche ich sofort ab.“
„Keine Angst“, beruhigte er sie. „Ich bleibe ganz sachlich und nüchtern,
werde auch nicht übertreiben, sondern mich nur an die Fakten halten, die mir
durch den Kopf gehen und mich schon seit ein paar Tagen beschäftigen.“
Jasmin nickte und hörte geduldig zu. Benjamin zog Vergleiche seiner und
Jasmins Träume und versuchte, gemeinsame Verbindungen herzustellen. Er konnte
einfach nicht glauben, dass zwei Menschen mit unterschiedlichen Gedanken und Regungen
fast identische Träume haben konnten. Ein solcher Zufall war für ihn unvorstellbar.
Als Benjamin mit seinen Erklärungen geendet hatte, wollte Jasmin wissen:
„Selbst auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole: Was hat das alles mit
Außerirdischen zu tun? Glaubst du etwa, sie würden unsere Träume lenken und
steuern? - Ich glaube es jedenfalls nicht. Vielmehr glaube ich, dass unsere
Träume - nicht nur deine und meine, sondern aller Menschen, symbolischen
Charakter besitzen und uns irgendeine Botschaft übermitteln wollen. - Aber ich
kann mir nicht vorstellen, wie du ausgerechnet einen Bezug auf Außerirdische herstellen
willst?“
Sie schaute Benjamin skeptisch an und wartete auf eine Antwort von ihm.
„Das kann ich dir sagen“, legte er los. „Ich habe mich neulich mit einem
Kollegen über UFOs und allem was damit zusammenhängt unterhalten. Und er hat
mich auf die Idee gebracht.
Kannst du dir vorstellen, wie viele Menschen schon von Außerirdischen entführt
wurden, ohne dass sie es merkten? - Ich kann es dir sagen. Es sind eine ganze
Menge. Und ihnen allen wurde die Erinnerung aus ihrem Gedächtnis gelöscht ...“
„Hoffentlich ist bei dir nicht zu viel gelöscht worden“, spöttelte Jasmin
und grinste.
Benjamin winkte ab, ließ sich nicht auf diese Provokation ein und fuhr
unbeirrt fort: „Du kannst mir glauben. Es ist wirklich so. Und ich denke, dir
und mir ist das gleiche Schicksal widerfahren. Das Einzige was wir davon wissen,
wird uns nun in symbolisch wirkenden Traumbildern vorgeschwindelt. - Ich denke,
wir sollten vorsichtig sein und genau darauf achten, was in nächster Zeit geschieht
...“
Jasmin lachte. Sie fand albern, was Benjamin so geschwollen tönte. Er
konnte sie jedenfalls nicht von seinen Ansichten überzeugen.
„Lass uns dieses Thema für heute beenden“, schlug sie vor, „du kannst aufpassen,
ich aber benehme mich wie sonst auch. An meinem Leben wird sich nichts ändern.
- Und wenn du ein grünes Marsmännchen siehst, sagst du mir Bescheid ...“ Sie
lachte erneut.
Benjamin sah ein, dass es keinen Sinn hatte, noch weiter mit Jasmin zu diskutieren.
Ihn konnte keiner von seinem Verdacht abbringen. Er war überzeugt, dass
unbegreifliche Dinge abliefen, die noch schlummernd ihrer Offenbarung harrten.
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